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Indian Tea

Verärgert im Visaladen

Wofür sind Konsularabteilungen gut? Im Fall einiger Länder geht es wohl einfach darum, durch den Verkauf von Visa Extra-Einnahmen zu machen. Die indische Botschaft in Prag macht dabei voll von der Tatsache Gebrauch, dass sich auf eigenem Hoheitsgebiet die Preise so beliebig wie Hausnummern aufstellen lassen.

Für tschechische Kollegen kostet das Visum 800 CZK (ca. 32 EUR), für mich als Deutschen 2100 CZK (ca. 84 EUR). 84 Euro halte ich für einen gesalzenen Preis, wobei ich also allein für meine Staatsbürgerschaft 50 Euro mehr bezahle als einheimische EU-Mitbürger. Das teuerste an meinem Pass sind nun mit Abstand die indischen Visa.

Es ist ärgerlich, dass ich mit Hauptwohnsitz in Tschechien die selben Steuern zahle und das selbe Einkommen habe wie meine einheimischen Kollegen, aber mehr als doppelt so viel für das Visum berappen darf. Oder wird von mir erwartet, dass ich zur deutschen Botschaft nach Berlin fahre? Aber selbst da müsste ich vermutlich mehr bezahlen, weil ich meinen Wohnsitz nicht in Deutschland habe. Es erinnert mich nicht wenig an den Zwangsumtausch damals zu Zeiten des Ostblocks.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich die Gebühr nicht aus eigener Tasche begleiche, sondern aus dem Projektbudget. Aber das macht die Sache auch nicht besser. Denn das Geld soll keine Botschafterfamilie ernähren, sondern Flüchtlinge.

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Vorbereitungen für Indien

Ungefähr ein Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal ein Blog über eine Indien-Reise geschrieben habe. Inzwischen laufen die Vorbereitungen für eine neue Fahrt auf vollen Touren.

Die anstehende Reise wird zwei Zwecken dienen:

  1. Wir werden birmanische Exil-Journalisten dadurch unterstützen, dass wir zwei tschechische Journalisten (von Radio und Fernsehen) nach Indien bringen, die dort ein mehrtägiges Training anbieten werden. Zudem werden umgekehrt diese Journalisten Gelegenheit haben, mehr über die Lage der Exilburmesen dort zu erfahren.
  2. Wir werden zudem auch die Empfänger unserer Microgrants besuchen und sehen, was sie mit dem Geld gemacht haben, wo es Probleme gab und was ihnen an Ideen für das nächste Jahr gekommen ist. Das Ergebnis ihrer Arbeit wird u.a. darüber entscheiden, ob sie im nächsten Jahr gute Chancen auf weitere Unterstützungen haben können – falls wir die Mittel kriegen.

Wie zuvor werde ich versuchen, jeden Tag während der Reise zumindest eine kurze Mitteilung zu verfassen. Die gesammelten Aufzeichnungen werden hier gesammelt zu finden sein.

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Burmas Wahlen in tschechischen Medien? Eine Antwort im Video

Ein Nachtrag zu unserer Reise: Mizzima News hat eine kurze Reportage erstellt und dazu “unsere” drei Journalisten interviewt, wie tschechische Medien über die Wahlen in Burma berichten werden:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=_XkM67jotX4[/youtube]

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Unerwartetes Treffen vor dem Abflug

Der Flughafen hat sich sehr verändert. Im Frühjahr letzten Jahres quälte man sich noch durch eine große “Bahnhofshalle”, in der die Völker Indiens ihr Lager bezogen hatten. Heute schreitet man durch glänzende Wunderwerke postkapitalistischer Megalomanie. Vollklimatisierte Hallen in geschickter Beleuchtung, Beton, Glas und Marmor: Neu Delhi hat mit seinem Flughafen Indira Gandhi International den Anschluss an die internationale Gesichtslosigkeit mit Bravour gemeistert.

Dann die nächste Erkenntnis: Das Gebäude ist neu, das Personal jedoch ist das selbe geblieben. Niemand erwidert einen Gruß, ein Thank You. Finstere Mienen vom Check-In über die Pass- bis zur Sicherheitskontrolle. An der langen Reihe der Pulte für die Passkontrolle, seitlich hinter den Angestellten, finden sich seltsame Pfosten, auf ihnen Kästchen mit der Aufschrift “Namaskar”. Eine nette Geste, denke ich. Erst später, als ich auf Sabe warte, merke ich, dass diese Kästchen Kameras beherbergen und von jedem am Schalter Stehenden versteckt ein Foto machen. Warum diese Heimlichtuerei?

Das Durchleuchten des Handgepäcks geht recht zügig voran. Ich werde abgeklopft und von einem Metallprüfer abgefahren. Dann legt der Mann sein Gerät zur Seite, dreht sich ein wenig wie gelangweilt zur Seite und verharrt. Was jetzt? denke ich, während ich mit meinen ausgestreckten Armen dastehe und wohl wie eine Vogelscheuche aussehen muss. Nach etwa zehn Sekunden kann ich der ungeduldigen Bewegung des Mannes entnehmen, dass ich meine Bordkarte von seinem Pult nehmen und verschwinden soll.

Dann trete ich inmitten eine Shopping-Mall voll leuchtender Läden, die noch strahlender und reicher aussehen, als alles, was ich zuvor sehen durfte! Parfümerie, Geschenkartikel, ungehörte Marken, ich habe nicht genau hingesehen, alles sehr edel. Ich folge einem leicht geschwungenen Pfad, ein einfacher Reisender im Wunderland.

Und plötzlich sehe ich ihn direkt vor mir: Mahatma Gandhi! Lebensgroß, braunhäutig in seinem spärlichen weißen Gewand, so wie im Film. Gandhi? Der exilierte Gandhi? Der aus dem indischen Wertekanon auf 100-Rupee-Scheine verbannte Gandhi?

Ja, er lebt. Man wird ihn vergeblich in der Politik oder im Bewusstsein der Bürger suchen, zumindest im Straßenverkehr oder den Commonwealth Games. Hier aber, in diesem Tempel des Konsums und der patriotischen Selbstinszenierung, hier sitzt er und lächelt.

Ich weiß nicht, ob man ein Anrecht auf Gandhi haben kann, ob er sich besitzen lässt. Vermutlich muss man ihn sich erst erwerben und wird ihn doch nie erreichen können.

Und jetzt fällt mir endlich ein, was Gandhi auf dem Flughafen von Neu Delhi zu suchen hat: Ich denke, er wartet auf seinen Flug. International Departures.

Fotos von Wikipedia

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Ein Blick zurück

Letzter Tag für dieses Mal. Über Nacht bringt uns das Flugzeug zurück nach Prag, Die Journalisten fliegen später eine andere Route, über Helsinki.

Zeit für einen Rückblick. Wir haben so viele Initiativen und Organisationen gesehen, so viele Eindrücke gewinnen können, dass es sich wirklich schwer im Kopf sortieren lässt. Mich wundert daher auch nicht besonders, dass ich ebenso mit meinen Berichten kaum hinterher gekommen bin. Wir haben jungen Journalisten der unabhängigen Medien zugehört, die bereits viel erlebt hatten und die allein für ihre idealistischen Ziele mit solch einer lächelnden Selbstverständlichkeit ungeheure Risiken eingehen, dass mein Leben mit all dem anerzogenen Sicherheitsbedürfnis den Vergleich nicht standhält. Man trifft hier unauffällige Menschen mit beeindruckenden Biographien. Man sieht andererseits auch Großtuer und Schwätzer, auch die gibt es. Viele Flüchtlinge und Aktivisten sind zu stolz um zuzugeben, dass sie noch viel zu lernen haben.

Wir haben hier sehr viele herzliche und hilfsbereite Inder erlebt. Gerade gestern auf der Konferenz waren ein paar (ein sehr schnelles Englisch sprechende) Journalisten, die sich den burmesischen Nachbarn verbunden fühlen. “Der indischen Politik zufolge hat das Land nur zwei Nachbarn: Pakistan und China”, sagt etwa Nava Thakuria, der eigens aus Assam eingeflogen ist und dort im Nordosten vielleicht eine etwas andere Perspektive hat als die Kollegen in Delhi. Wir hören oft von Sympathiebekundungen, aber kaum jemand weiß wirklich etwas über das Nachbarland. Mir kommt es so vor, als würde man in Deutschland etwa über Brasilien oder Mexiko sprechen. Burma aber ist einer der Nachbarn.

Vielleicht liegt es am Bildungssystem, vielleicht an den Medien. Soe Myint, Chefredakteur von Mizzima, kritisiert, dass nun, ein paar Tage vor der Eröffnung der Commonwealth Games (ein riesiger Aufwand hier, etwa so wie bei uns eine Fußballweltmeisterschaft), die indischen Medien fast exklusiv über dieses Thema berichten. In  vielen anderen Ländern gäbe es dagegen immer noch einen guten Anteil an Nachrichten aus Politik, Gesellschaft und dergleichen. Und dies sicher mit mehr Breite und mehr Tiefe. Zeitungen bringen hier merklich viele Lifestyle-Themen, irgendwelche Stars und Bollywood-Schönheiten, alles hat einen Hauch von Reklame.

Es gibt noch viel zu tun, und es lässt sich nicht mit punktuellen Veränderungen erledigen. Ich hoffe, dass zumindest das Verborgene sichtbar gemacht werden kann, so dass sich letztendlich mehr und mehr Menschen interessieren und engagieren werden. Es wird nicht jeder die selbe Weise wählen, nicht jeder wird etwa persönlich bei den Hilfebedürftigen auftauchen wollen. Wir wissen nicht, wie die globale Weltordnung in 50 Jahren aussehen wird. Ich denke, dass sich jetzt vieles leichter verändern lässt als in zehn oder zwanzig Jahren.

jetzjetztt

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Introduction to the Session on Burmese Refugees, Media Workshop

On the Media Workshop, held on September 27th in the Press Club of India, New Delhi, I opened the session about Burmese refugees in India with some general words about the situation.

(Note: The spoken version was slightly different.)

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The number of Burmese refugees in Delhi is approaching the mark of 10,000. A small amount compared to Delhi’s population, one might think. So what is special about these people?

We are talking about international migration from a very traditional rural society to a completely new setting of an urban environment, which is characterized by a high degree of vulnerability and the newly emerging need to form strong alliances inside the community. While poverty and legal insecurity is nothing new to the refugees, it is now a particular attribute of them as foreigners: Refugees are being discriminated for being refugees.

These refugees, therefore, don’t just add up to the poor population. They encounter very specific difficulties, like higher room rent or harassment.

In India we encounter this special setting where the government refuses to grant an own refugee status with legal protection while, on the other hand, allowing refugees to stay and supporting the UNHCR together with Western embassies to run their resettlement program – of course with certain limitations.

The UNHCR defines 3 “durable solutions” to the situation of refugees – and I like to emphasize their proper order, in my opinion, in which solution should by tried:

1. voluntary repatriation to the country of origin; i.e. removing the cause of migration
2. if this fails: integration into the country where they seek asylum
3. if this too fails: resettlement to a third country

In the case of Burmese in India, it is evident that we cannot at this moment talk about a “durable solution”: Return is impossible; conditions in India do not facilitate lives with adequate material security and safety; and, resettlement is delayed by years, only a very small percentage of persons is resettled and those having been resettled have to face new, often insurmountable, challenges.

Migration is an international phenomena. It is therefore also a matter of international responsibility. We are not able to talk about Burmese waiting here for years for their resettlement to Europe, to America or to Australia, without talking about India and without talking about Burma.

followed by the speakers:

Mr. Ro Mawi, Chin Refugee Committee

Mr. Sangtea, Khonumtung News

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Sonntag in Vikaspuri

Nach einer größtenteils durchwachten Nacht fühle ich mich eigentlich wenig imstande, selbst die Erinnerungen der letzten Tage zu sortieren. Vom vergangenen Regen ist  keine Spur mehr zu sehen. Es ist heiß (laut Internet 31 Grad, “Feels like 37°”) und während der Nacht dröhnen Deckenventilator und die Lüftung der Klimaanlage, deren Kühlung wir aus Energiespar- und Lärmgründen ausgeschaltet lassen. Frische Luft kommt trotzdem nicht ins Zimmer, dafür aber winzige Stechmücken, deren Gelächter über unsere wirkungslosen Sprays und Abwehrcremes ich mir gut vorstellen kann.

Ich sitze auf dem Balkon, ein paar Meter über dem Gehupe, hin und wieder streicht ein angenehmer Luftzug über meine Arme. Meine Kollegen sind unterwegs in Agra und beim Chefredakteur von Mizzima, Soe Myint, um dort bei der Erstellung einer Radiosendung zuzusehen. Heute Nachmittag werde ich den beiden Redakteuren von Matu Harold News helfen, ihnen eine simple Webpräsenz aufzubauen. Momentan verbreiten sie ihre Zeitung nur als kopierte Exemplare kostenlos an die Matu-Gemeinschaft in Delhi, und per PDF an die Abonnenten einer Newsgroup, was etwa 4000 Empfänger ausmacht, ein paar gedruckte Exemplare gehen ins westliche Ausland.

Allgemein beschränken sich Computerkenntnisse zumeist auf E-Mails und eventuell Internettelefonie. Es ist interessant, dass Online- sehr viel geläufiger sind als Offline-Technologien, obwohl sich erstere viel später entwickelt haben und auf letzteren basieren. Ganz simple Büroanwendungen werden oft nur unzureichend beherrscht. Gestern habe ich dem Team vom Chin Refgugee Committee einen Crash Course in Excel verpasst, wobei die Teilnehmer zum Glück sehr lernwillig waren und schnell selbst nachvollziehen konnten, was sie neu gelernt hatten.

Entwicklungshilfe heißt hier nicht, Brunnen zu bohren oder Sonnenkollektoren einzufliegen (vermutlich jedesmal aus heimischer Produktion – mit gewolltem positiven Nebeneffekt für die eigenen Firmen? Manchmal frage ich mich wirklich, ob Entwicklungshilfe mehr ökonomisch und strategisch oder ob sie wirklich humanitär motiviert ist). Die Situation ist völlig anders als in irgendwelchen sehr ländlichen, von “Zivilisation” ganz unberührten Regionen der Welt. Hier gibt es alle paar Straßen einen Computerladen. Die Computerisierung Indiens boomt. In den Statistiken fallen die Rikscha-Fahrer und andere Tagelöhner wohl gar nicht so sehr ins Gewicht. Es reicht, wenn 10 oder 20 Prozent der Bevölkerung mit geballter Leistung alle Schwachstellen verdecken.

Die Flüchtlinge hier jedoch leben in einer völlig anderen Welt, wo ihre Mitglieder einander viel näher sind. Eine praktische Ausbildung dieser Menschen kann ohne große Mühe punktuell weiter entwickelt werden, das Wissen wird mit Freunden und Bekannte geteilt, es bilden sich soziale Strukturen um Personen mit erweiterten Fähigkeiten, wie Interessengruppen und Initiativen. Herausragende Individuen werden dann irgendwann vom UNHCR in den Westen übersiedelt, wo sie zunächst wieder unterdurchschnittlich qualifiziert sind, aber zumindest materiell und rechtlich abgesichert sind. Hier in der Flüchtlingsgemeinschaft rücken andere in die Lücken nach. Manchmal sind es Leute, die einen Posten lediglich seines Ansehens willen erstreben und dazu ihre gesellschaftliche Position und wenige Fähigkeiten einbringen. Nicht alle sozialen Mechanismen in der Flüchtlingsgemeinschaft haben sich mit Blick auf Qualitätssteigerung entwickelt.

Insgesamt bin ich beeindruckt von dem, was sich aus einer eigenen Dynamik und unter Ausnutzung der örtlichen Gegebenheiten entwickelt. Gäbe es nicht die bewusste Benachteiligung der Flüchtlinge durch die hiesige Mehrheitsgesellschaft, dann wäre sicher auch keine westliche Hilfe nötig und die Flüchtlinge könnten hier leben, bis  sie einmal nach Burma zurück kehren können.

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Ein Trauma aus dem Wartesaal

Ich sitze in einem Hubschrauber. Während ich schreibe höre ich dicht über mir das scharfe Schnappen der Rotoren in der Abendluft, gleichmäßig, beharrlich, wie um mich wach zu halten. So stelle ich ihn mir vor. Den Flug über die Grenze in der Nacht, in die Berge der Chin. Zurück in die Heimat derjenigen die seit fünf oder zehn Jahren nur in ihren Erinnerungen zurück kehren, in den Erzählungen der Neuankömmlinge. Und selbst hier träumen sie nur davon, weiter voran zu kommen, weg aus dieser Stadt, in der sich Armut mit einem ganz besonderen Ausgeliefertsein vereint.

Was ich mir bei all dem ausgedacht habe, ist nur der Flug im Hubschrauber. Selbst  der Rotor ist überraschend real. Er wirbelt laut und bedrohlich über meinem Kopf, einer der vielen Deckenventilatoren hier in unserer Pension, einem Stück Erste Welt nicht weit von den Slums.

Der Raum, stark erhellt vom Blitz.

Ich habe in meinem umzugsreichen Leben schon so manchen Ärger mit Vermietern erlebt und weiß, wie wichtig es ist, in seinen eigenen vier Wänden  Ruhe zu haben. Umso mehr empören mich diese zwei Fälle von aggressiv keifenden Vermieterinnen, ältere Inderinnen, die beide Tür an Tür mit dem vermieteten Raum wohnen und keinen Besuch für ihre Mieter wünschen. Mieter: Das ist eine junge Witwe, die, ganz wörtlich, sehr viel am eigenen Leib hat erleiden müssen, ich muss nicht berichten was. Sie lebt hier mit drei kleinen Kindern. Sie ist krank, das Gesicht schweißbedeckt. Ihr Raum: Vielleicht zwei mal drei Meter groß, völlig dunkel die Wände, vielleicht von Alter, Ruß oder dergleichen. Die Tür liegt ebenerdig zur schmutzigen Gasse hin. Momentan trennt diese vom Raum nur ein dünner Vorhang.

Die junge Frau wirkt apathisch, nickt auf Fragen, hält eines ihrer Kinder, während ein ganz kleines lustlos auf der Gasse hin und her läuft. Mir fällt auf, dass sie völlig anders als Burmesen nicht lächelt, ja kaum ihre Gesichtszüge bewegt. Hoffentlich wird sie das Lächeln wieder erlernen.

"... und mein Kopf fühlt sich heiß an."

Dann eine kleine Praxis, eine von zweien für burmesische Flüchtlinge,in der riesigen Stadt. Für Flüchtlinge heißt das, dass sie hier nicht tausende von Rupees bezahlen müssen und als Opfer eines Überfalls nicht abgewiesen werden. Hier wird nicht operiert, nur untersucht, Medikamente ausgegeben, Nachbehandlung nach Geburten durchgeführt. Die andere Praxis bietet mehr, bis hin zu Amputationen, aber ebenfalls nur ambulant. Beide behandeln die Flüchtlinge kostenlos. Zu dieser zweiten Praxis nun kommen  um die 15 bis 20 Patienten pro Tag und werden von einer Krankenschwester mit Hilfe einer jungen Übersetzerin versorgt. Die vielen fremdartigen Besucher sind natürlich auch der Vermieterin nicht entgangen, die, als sie uns westliche Besucher sieht, sogleich ihren Kopf zur Praxis hineinsteckt und die Miete von 3000 auf 3500 Rupees erhöht. Das ist besonders schmerzlich, da die Frauen, die sie betreiben, bereits ihr Geld für Medikamente verbraucht haben und auf die findige Idee gekommen ist, einen Laden zu eröffnen, in dem sie selbstgekochtes Essen verkaufen.

Aber wo es kein Recht gibt – und Indien ist für die Flüchtlinge hier ganz offenkundig kein Rechtsstaat – da herrscht das Recht des Stärkeren. Flüchtlinge, die hier mit Sack und Pack und leeren Taschen ankommen, zahlen von vorneherein höhere Preise, für Miete und auch anderswo.

Beim Chin Human Rights Committee erzählt man uns von den Fällen, die sie vertreten. Opfer sind in den meisten Fällen Frauen und junge Mädchen. Die Organisation beschäftigt zwei Frauen, die ihnen zuhören können und versuchen zu helfen, so weit es in der Macht von  Helfern steht, die selbst nur Flüchtlinge sind. Übergriffe, wie etwa dass indische Männer im Vorübergehen den Flüchtlingsfrauen an den Busen greifen, sind so geläufig, dass sie gar nicht erst berichtet oder einzeln erfasst werden. “Welche Kaste hat die indische Gesellschaft für Flüchtlinge vorgesehen?” frage ich mich oft.

Der Weg aus diesem erniedrigenden und entbehrungsreichen Leben führt durch das Zauberwort “Resettlement”: Umsiedlung in ein Drittland, wo es Geld gibt und Flüchtlinge wie menschenwürdig leben können. Resettlement ist für die Flüchtlinge wie ein kühner Traum, in gewisser Hinsicht  ein verheißungsvolles Jenseits. Es entstehen übersteigerte Erwartungen, die kaum erfüllt werden. Der Kulturschock und der Erwartungsdruck an die Verwandten, die es ins “Paradies” geschafft haben, sind enorm. Viele Flüchtlinge vereinsamen im Westen, kommen nicht mit der  regulierten Arbeits- und Nutzlosigkeit zurecht, einige drehen regelrecht durch oder verfallen dem Alkohol. Sie scheitern gewissermaßen, nachdem sie schon die Ziellinie durchlaufen haben.

Von den 7000 burmesischen Flüchtlingen in Delhi werden jedes Jahr nur rund 1% übersiedelt – eine unwahrscheinlich geringe Quote. Mich erinnert es an einen Lottogewinn. Die Zahl der Flüchtlinge steigt dabei rapide, bis zum Jahresende werden es um die 10000 sein. Manche warten nur ein Jahr, manche viele Jahre, und rein rechnerisch dürfte der Großteil der Flüchtlinge für immer warten. Resettlement ist ein magischer Hoffnungsschimmer, ein schmerzlich fernes Ziel, und oft dann eine kalte Dusche. Es ist schwer verständlich, dass diese Menschen, die so viel durchgemacht haben, nun noch enttäuscht werden können. Analphabeten, deren Qualifikation im Reisanbau und primitiver Haushaltsführung besteht, können nun nicht einfach als Landwirt anfangen, wenn sie nicht einmal wissen, wie man einen Linienbus benutzt oder dass Abschlagszahlungen für Strom und Wasser am Jahresende mit den tatsächlichen Kosten verrechnet werden, dass es also keinen Sinn hat, an ihnen zu sparen.

Ich muss sagen, dass mich diese geballte Ladung an Eindrücken aus einem bestürzend verlorenen Teil der Menschheit, der mitten in New Delhi im Incredible India zwischen all dem Lärm und Getöse, der reichen Kultur und den politischen Ambitionen still und schüchtern leidet, ganz extrem mitnimmt. Mir fällt ein, wie man so schön sagt: Es trifft immer die Falschen.

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